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Gottgleiche und heilige Gliederfüßer (Arthropoda) der Altägypter

Einleitung

Die altägyptischen Priester waren stets bestrebt, die Natur nicht nur zu beobachten, sondern auch in abstrakten Vorstellungen zu beschreiben. In der altägyptischen Lebensanschauung bildeten die Tiere eine zentrale Bezugsbasis, die sich in der Religion, Kunst und praktischen Lebensführung der alten Ägypter widerspiegelte. Schon in frühdynastischer Zeit (ca. 3100 – 2686 v.Chr.) hatten sich die ägyptischen Priester der Tierverehrung (Zoolatrie) verschrieben und neben zahlreichen Wirbeltiergattungen (Vertebrata) auch mehrere Gattungen der wirbellosen Tiere (Invertebrata) als heilige oder göttliche Wesen gesehen.

Die etwa 700, am häufigsten benutzten, Hieroglyphen beinhalten Skizzen von etwa 54 Vögeln, 34 Säugetieren, 15 Kriechtieren und Lurchen, 6 Fischen sowie 10 Gliederfüsserarten, wovon man die ungewöhnliche Tierzuneigung der alten Ägypter ablesen kann. Gewiß hatten bspw. der außergewöhnliche Körperbau, das gepanzerte oder farbenprächtige Aussehen, die widerwärtigen Ausdünstungen oder die giftigen Ausscheidungen sowie die seltsamen Verhaltensweisen derartiger Tiergattungen die frühzeitigen Nillandbewohner tief beeindruckt und dazu gebracht, sie als heilige Wesen zu verehren, tabuistisch zu schützen und entsprechenden Gottheiten in einem religiösen Konzept zuzuordnen.

Wehrlose Käferarten als heilige Tiere

Seit frühdynastischer Zeit verehrten die Ägypter wehrlose Schnellkäfer (Elateridae) als Symbole der Auferstehung ihrer Toten. Die in Ägypten verbreitete Schnellkäferart Lanelater notodonta (Latreille) ist imstande, sich öfters totzustellen und mit lautem Klickgeräusch wieder hochzuschnellen, weshalb sie der Kriegsgöttin NEITH aus Sais (Unterägypten) geweiht wurde (Abb.1a-c). Ebenso beruhte die Heiligkeit der wehrlosen Skarabäuskäfer (Scarabaeinae), wie bspw. die des Dungkugelrollers Scarabaeus sacer (Linné) auf dessen Fähigkeit, aus frisch abgesetztem Säugetierkot gleichmäßig runde Dungkugeln zu formen, fortzurollen und in lockerem Boden zu vergraben sowie scheinbar aus dem »Erdinneren« hervorzukriechen. Dieses - für die alten Ägypter erstaunliche -Verhalten wurde als Symbol des »täglichen und nächtlichen Sonnenkreislaufs« sowie als Sinnbild der »unterirdischen Selbstzeugung«(ägypt. cheper em ta) des Morgensonnengottes CHEPRI gedeutet und verlieh den Skarabäuskäfern göttliche Eigenschaften. Nach ihrem Tod wurden die Dungkäfergattungen Scarabaeus (Linné) und Heliocopris (Hope) entsprechend dem rituellen Brauch mumifiziert und in Särgen beigesetzt (Abb. 2a,b). Seit der ersten Zwischenzeit bis zum Ende der dreißigsten Dynastie (ca. 2181 – 343 v.Chr.) wurde Gott CHEPRI unzählige Male als kleine Steinnachbildungen von Skarabäuskäfern und anderen Mistkäfern hergestellt. Menschen, die derartige Amulette an ihrem Körper trugen, waren zeitlebens und auch noch im »Jenseits« mit dieser Gottheit eng verbunden und von ihr beschützt.

Wehrhafte Gliederfüsser als heilige Tiere

Neben den wehrlosen Käferarten hatten sich die alten Ägypter auch wehrhafte Arten der Gliederfüsser ausgesucht, um sie göttlich bzw. heilig zu verehren. Es waren vor allem die ausgesprochen wehrhaften, giftigen Hundertfüsser (Chilopoda), Skorpione (Skorpiones) und Honigbienen (Apidae) sowie die beutegierigen Gottesanbeterinnen (Mantodea) und Wasserwanzen (Cryptocerata), die Gottheiten bzw. Könige und religiöse Frömmigkeit versinnbildlichten.

Die versteckt lebenden und ihren Beutetieren sowie Feinden giftige Bisse zufügenden Skolopender (Scolopendridae) verkörperten den ägyptischen Schutzgott SEPA (Abb. 3a,b), während die ebenfalls verborgen lebenden und ihren Feinden sowie Beutetieren giftige Stiche zufügenden Skorpione (vorwiegend Buthidae, Abb. 4a) sowie die bissigen Wasserwanzen (Nepidae und Belostomatidae), die Unheil abhaltende Göttin SERQET gleichermaßen symbolisierten (Abb. 4b). Die Königinnen und Arbeiterinnen der ägyptischen Honigbiene (Apis mellifica lamarckii Cockerell) gebrauchen ebenfalls einen Giftstachel, um ihre Völker vor feindlichen Eindringlingen (einschließlich des Menschen) zu schützen. Überdies verlieh die Bienenkönigin dem Königtum Unterägypten sowie sämtlichen ägyptischen Pharaonen ihren hieroglyphischen Namen Bjt. Die häufig auf Beute lauernde ägyptische Gottesanbeterin (Sphodromantis viridis viridis Forskål) erinnerte die alten Ägypter an die Verrichtung ihrer Gebete mit himmelwärts erhobenen Armen und Händen (Abb. 5a,b), galt sie doch auch als »die ständige Begleiterin der Verstorbenen bei ihrem Weg in den Himmel« (ägypt. jebat). Es ist bemerkenswert, daß diese wehrhaften Gliederfüsser eine ausgeprägte Fürsorge für ihre Nachkommen tragen.

Weshalb dienten die genannten Gliederfüsser als Leitbilder in den religiösen Vorstellungen der alten Ägypter ? Die aggressive Wehrhaftigkeit und erhebliche Giftigkeit gemeinsam mit der hingebungsvollen Brutfürsorge der genannten Hundertfüsser, Spinnentiere und Insekten hatten die Bewohner des antiken Nillandes (ägypt. kemet) dermaßen beeindruckt, daß sie diese Gliederfüsser fürchteten und achteten sowie gottgleich beziehungsweise heilig verehrten.

Weiterführende Literatur

GEO Magazin 11/2004

Ägyptologie: Heiliges Getier
Skorpione und Insekten wurden im alten Ägypten als Gottheit verehrt.
GEO Magazin 11/2004, 208 - 209.

GRUNER, H.E. (Hrsg.) 1993:

Lehrbuch der Speziellen Zoologie, begr. von A. Kaestner. Bd. I, 4 Teil, 4.Aufl.
Gustav Fischer-Verlag Jena, Stuttgart.

KAESTNER,A. 1973:

Lehrbuch der Speziellen Zoologie, Bd. I, Teil Insecta
Gustav Fischer-Verlag Jena, Stuttgart.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 1996:

Prionotheca coronata Olivier (Pimeliinae, Tenebrionidae) recognized as a new species of venerated beetles in the funerary cult of pre-dynastic and archaic Egypt.
Journal of Applied Entomology 120, 577 - 585.

LEVINSON,H. & LEVINSON,A. 2001:

Insekten als Symbole göttlicher Verehrung und Schädlinge des Menschen.
SPIXIANA Supplementband 27, 12O Seiten,
Verlag Dr. Friedrich Pfeil, Wolfratshauser Straße 27, 81379 München.

LEVINSON,H. & LEVINSON, A. 2004:

Wehrhafte Gliederfüßer als heilige Tiere in Altägypten. Konzepte und Geschichte.
Naturwissenschaftliche Rundschau 57, Heft 3, 122 -134.

 

Ausstellungen in Museen

Mumifizierte und nachgebildete heilige Käfer, besonders Scarabaeinae und Coprinae können im Staatlichen Museum ägyptischer Kunst in München, im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung in Berlin-Charlottenburg, im Allard Pierson Museum in Amsterdam, im Kunsthistorischen Museum in Wien, im British Museum in London sowie im Petrie Museum in London besichtigt werden.

Die Sonderausstellung »Insektenkosmos« im Museum Mensch und Natur zeigt im Schloß Nymphenburg in München vom 16.10.2004 bis zum 17.4.2005 eindrucksvolle Modelle einiger heiliger Käfer des alten Ägypten.

 

Abbildungen 1 – 5

Lanelater notodonta

Abbildung 1a - c

Dorsalansicht der Schnellkäferart Lanelater notodonta Latreille (Länge ca. 32 mm) aus der unterägyptischen Deltaregion (a) sowie eine Goldnachahmung (Länge ca. 63 mm) dieser Käferart aus einem oberägyptischen Grab der ersten Dynastie, ca. 3100-2890 v.Chr. (b). Die unheilabwehrende Nachbildung des genannten Schnellkäfers zeigt auf deren schildartigen Flügeldecken die gekreuzten Pfeile und den Bogen der Göttin NEITH aus dem unterägyptischen Sais (b). Die verkleinerte Zeichnung stellt die Kriegsgöttin NEITH mit ihrem Kultsymbol auf dem Kopf und der Lebensschleife (ägypt. anch) in der linken Hand dar (c).

Quelle : H.Levinson & A.Levinson 2OO1, SPIXIANA Supplement 27, Verlag Dr. F. Pfeil, München.

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Abbildung 2 a, b

Dungkäfer

 

Der abgebildete Dungkäfer Heliocopris gigas Linné (Länge ca. 50 mm), wurde meistens vor der Beisetzung einbalsamiert und mit Leinenstreifen umwickelt (a). Der Holzsarg einer anderen Dungkäferart war mit einem blauen Fayencedeckel versehen, woran Kopf, Halsschild und Hinterleib von Scarabaeus laticollis Linné bzw. von Scarabaeus semipunctatus Fabricius erkennbar sind (b). (a, Allard Pierson Museum Amsterdam und b, Kunsthistorisches Museum Wien).

Quelle : H.Levinson & A.Levinson 2001, SPIXIANA Suppl. 27, Verlag Dr. F. Pfeil, München.

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Abbildung 3 a, b

(a)Hundertfüsser

 

(b)Dungkäfer

Die in Ägypten häufige Hundertfüsserart Scolopendra cingulata Latreille (Chilopoda) lähmt ihre Beutetiere oder Feinde mittels giftiger Bisse (a). Die hieroglyphische Bezeichnung des Skolopendergottes SEPA (b), der die alten Ägypter vor den Bissen giftiger Tiere schützen sollte, zeigt die Umrisse eines Skolopenders (letztes Bildzeichen rechts).

Quelle : H.Levinson & A.Levinson 2004, Naturwissenschaftliche Rundschau 57. Jahrgang, Heft 3.

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Abbildung 4 a, b

 

(a)Androctonus australis

 

(b)HEDEDET

Der in Ägypten verbreitete und giftig stechende Dickschwanzskorpion Androctonus australis Linné (Länge ca.12O mm, a). Die Schutzgöttin HEDEDET stellt eine Vereinigung der Skorpiongöttin SERQET mit der Muttergöttin ISIS dar (b).

Wahrscheinlich waren die alten Ägypter von dem Beutefangverhalten, den gefährlichen Giftstichen und der ausgeprägte Brutfürsorge der Skorpione (Buthidae) dermaßen beeindruckt, daß sie diese Spinnentiere als Symbol ihrer Schutzgöttin auswählten.

Quelle : H.Levinson & A.Levinson 2004, Naturwissenschaftliche Rundschau 57. Jahrgang, Heft 3.

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Abbildung 5a, b

Sphodromantis

Die raubgierige ägyptische Gottesanbeterin Sphodromantis viridis viridis Forskal (Mantodea) in Lauerstellung (a). Beim Beutefang schnellen die bedornten Schenkel und Schienen nach vorn und umklammern das gefangene Opfer. Die Bethaltung eines alten Ägypters mit himmelwärts erhobenen Armen und Händen ahmt die Lauerstellung einer solchen Gottesanbeterin nach (b).

Noch heute verrichten die Mohammedaner ihre Gebete in dieser Haltung.

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Quelle : H.Levinson & A.Levinson 2004, Naturwissenschaftliche Rundschau 57. Jahrgang, Heft 3.

Seewiesen, den 5.November 2004

 

Ergänzungen 2004: Übersicht

Weiter > Die unausrottbare Fliege, eine treue Begleiterin des Menschen


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